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Wir sprachen mit Markus Kiss. Er ist Referatsleiter Ausbildungspolitik und -projekte bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Experte mit der Lage auf dem Ausbildungsmarkt und der Weiterentwicklung der dualen Ausbildung in Deutschland. Nach langen Jahren, in denen das Studium ein rasantes Wachstum hingelegt hat, liegt nun die duale Ausbildung wieder fast gleichauf. Er sagt aber auch, dass viel zu wenige Jugendliche vollständig über die Chancen informiert sind, die sie haben – egal ob Studium oder Ausbildung.

Die meisten Jugendlichen entscheiden sich für ein Studium nach der Schule. Wie sah es in diesem Jahr aus?
Ganz so eindeutig ist der Trend zu einem Studium gar nicht mehr. Nachdem die Zahl der Studienanfänger jahrelang gestiegen ist, stagniert sie inzwischen. Es ist zudem ein positives Signal, dass sich in diesem Jahr insgesamt fast 490.000 Jugendliche für eine betriebliche Ausbildung entschieden haben – rund drei Prozent mehr als im Vorjahr. Damit liegen die Zahlen der Studienanfänger und Ausbildungsanfänger im dualen System etwa gleichauf. Es gibt außerdem noch weit über 150.000 junge Menschen, die sich für eine schulische Ausbildung, etwa in Gesundheits- oder Sozialberufen, entscheiden. Die werden bei der Gesamtbetrachtung häufig vergessen.

Historisch betrachtet: War das schon immer so?
Nein, früher lag die duale Ausbildung eindeutig vorn. Noch 1992 begannen fast doppelt so viele Jugendliche eine Ausbildung wie ein Hochschulstudium. Der rasante Anstieg der Studierendenzahlen ist vor allem damit zu erklären, dass immer mehr Schüler die Hochschulreife erwerben. Zu viele von ihnen glauben, dass der Weg zum beruflichen Glück nur durch ein Studium zu erreichen ist – und scheitern dann häufig. Mehr als jeder vierte deutsche Studienanfänger im Bachelor-Studiengang verlässt die Hochschule ohne Abschluss. Das sind mehr als 100.000 junge Leute pro Jahr, die in einer dualen Ausbildung vermutlich besser aufgehoben gewesen wären.

Gibt es Branchen, bei denen die Ausbildungsstellen besonders schwer zu besetzen sind? Oder haben es bestimmte Richtungen vielleicht besonders einfach? Wissen Jugendliche generell genug über die Möglichkeiten, die sie haben?
Es gibt in allen Branchen offene Ausbildungsplätze, besonders viele im Einzelhandel und in der Gastronomie, aber auch in der Lagerwirtschaft, in Metallberufen, im Bau oder im Lebensmittelbereich. Noch genügend Bewerber gibt es für Berufe in der Kfz-Technik, in Verwaltungsberufen, in der Softwareentwicklung, Tierpflege oder in künstlerisch-kreativen Berufen. Leider kennen noch immer zu wenige Schüler die Bandbreite der Ausbildungsberufe und die Vorteile einer Ausbildung: gute Verdienstaussichten, hervorragende Weiterentwicklungsmöglichkeiten und beste Chancen auf unbefristete Übernahme. Ein erfolgreicher Berufsabschluss ist nahezu eine Jobgarantie. Und eine nachfolgende Höhere Berufsbildung zum Meister oder Fachwirt kann sogar noch besser vor Arbeitslosigkeit schützen als ein Studium. Die IHK-Organisation hat daher in diesem Jahr eine bundesweite Kampagne mit echten Azubis gestartet. Die Botschaften „Ausbildung macht mehr aus uns“ und „Jetzt könnenlernen“ stehen im Zentrum. Wir brauchen aber dringend auch eine ausgewogene und praxisorientierte Berufsorientierung als Pflichtaufgabe an allen Schulen. Gymnasien dürfen nicht nur über das Studium, sondern müssen auch über die vielfältigen Chancen einer Ausbildung informieren.


„Wir dürfen nicht nachlassen, bei den jungen Menschen für eine duale Ausbildung zu werben und mit Vorurteilen aufzuräumen“, stellt Markus Kiss heraus. (Quelle: DIHK/ Paul Aidan Perry)

Welche Probleme ergeben sich Ihrer Meinung nach aus den unbesetzten Stellen?
Insgesamt können derzeit Betriebe schätzungsweise rund 1,8 Millionen Stellen längere Zeit nicht besetzen. Der Fachkräftemangel wird sich durch die vielen unbesetzten Ausbildungsplätze weiter zuspitzen. Jedes zweite Unternehmen, das längerfristig Stellen nicht besetzen kann, sucht erfolglos Fachkräfte mit einer abgeschlossenen Ausbildung. Die demografische Entwicklung verschärft die Herausforderungen. Wir haben heute rund 100.000 weniger Schulabgänger als vor zehn Jahren. Und in den nächsten Jahren verlassen pro Jahr bis zu 400.000 Beschäftigte mehr den Arbeitsmarkt als neu hinzukommen. Wir dürfen darum nicht nachlassen, bei den jungen Menschen für eine duale Ausbildung zu werben, mit Vorurteilen aufzuräumen und die Berufliche Bildung als wichtige Alternative zum Studium herauszustellen.

Was können Unternehmen tun, um auf sich aufmerksam zu machen?
Die Unternehmen kennen den hohen Stellenwert einer frühzeitigen Berufsorientierung und wissen: Ohne Praktika für Schüler keine oder kaum Azubis und ohne Azubis keine ausgebildeten Fachkräfte. Viele Ausbildungsbetriebe bieten deshalb immer mehr Praktikumsplätze an oder entsenden Ausbildungsbotschafter an die Schulen. Das sind Azubis, die auf Augenhöhe mit den Schülerinnen und Schülern von ihrer Ausbildung in den Unternehmen berichten.

Wie sieht es mit der Bezahlung von Ausbildungsplätzen aus? Welche Benefits schätzen besonders Auszubildende?
Die Ausbildungsvergütungen sind in den letzten Jahren erheblich gestiegen – weit stärker als die tariflichen Löhne und Gehälter. Die Höhe der Vergütung ist auch sicher ein wichtiges Argument bei der Wahl der Ausbildung, aber nicht das entscheidende. Wichtiger noch ist ein modernes und attraktives Arbeitsumfeld. Azubis fühlen sich dann besonders wohl, wenn sie Teil eines Teams sind. Unternehmen gestalten ihre Hierarchien also immer flacher und warten mit moderner Technik auf. Weitere Benefits können Prämien für gute Lernergebnisse, Zuschüsse zum Deutschlandticket, zum Wohnen oder auch ein Abo fürs Fitnessstudio sein.

Die Generation Z drängt auf den Arbeitsmarkt – begleitet von allerhand Klischees.  Wie verhält sich diese Generation auf dem Ausbildungsmarkt?
Ich würde sagen, dass sich die Generation Z vor allem rational verhält. Sie wiegt Vor- und Nachteile ab. Es ist wichtig, dass immer mehr Jugendliche erkennen, dass die Vorteile einer Ausbildung überwiegen können.


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